Sphärenklänge

Foto: unsplash

Mehr als 30 Jahre lang habe ich in verschiedenen Chören gesungen. Auch für den modernen Chorsänger gilt es, jederzeit erreichbar zu sein, es könnte ja mal die Met oder die Scala dran sein und einen sofort exklusiv verpflichten wollen…

Einmal habe ich es auch auf eine Opernbühne geschafft, immerhin lief die Inszenierung über zwei Spielzeiten und war vor Ort (Krefeld und Mönchengladbach) durchaus erfolgreich, was natürlich nur zum Teil an mir lag. Nein im Ernst: Ich war Mitglied des Projektchores, der für die Massenszene in Verdis „Aida“ den ständigen Hauschor zu verstärken hatte. Es war wirklich eine großartige Erfahrung, zusammen mit echten Profis Teil einer tollen Inszenierung zu sein, deren Komplexität einem Laien wie mir erst auf und hinter der Bühne so richtig bewusst geworden ist. Da Einzelgarderoben nur für die Solisten vorhanden waren, standen für uns „Fußvolk“ ein paar große Sammelumkleiden zur Verfügung. Da diese zu keiner Zeit abgeschlossen wurden, war uns geraten worden, Wertsachen am besten gar nicht erst mitzubringen. Na gut, das unvermeidliche Handy und etwas Kleingeld konnte man ja auch im Bühnenkostüm irgendwie unauffällig verstauen.

So steckte ich auch zur Premierenaufführung mein Handy in die Tasche meiner Bühnenhose. Die allgemeine Hektik war grenzenlos, das Premierenfieber hatte alle ergriffen. Mich auch, denn ich vergaß, das Handy auszuschalten. Dies wurde mir schlagartig in dem Moment bewusst, als wir Volk auf die Bühne stürzten und uns über die armen Nubier hermachten. Die Szene, in der wir ununterbrochen auf der Bühne waren, dauerte eine knappe halbe Stunde, und es waren durchaus auch lyrische Passagen mit Pianissimo-Stellen dabei. Ich habe mich wie im Tunnel gefühlt, meine (das Handy) tragende Rolle habe ich irgendwie in Trance „über die Bühne gekriegt“. Ich dachte nur an das blöde Handy und sann neben meinem Einsatz für die Kunst ununterbrochen darüber nach, ob und wie ich das Ding auf der Bühne unauffällig unschädlich machen könnte, aber es gab keine Chance. Thalia und die übrigen für Opernaufführungen zuständigen Götter (m/w/d) waren gnädig und ließen mein Handy nicht bimmeln. Bei der anschließenden Premierenfeier war ich der Glücklichsten einer.

K Y R I E … E L E I S O N

Dass es im richtigen Leben auch tatsächlich passiert, haben wir dann ein paar Jahre später in Salzburg erlebt. Anlässlich der Festspiele haben wir im Dom mit unserem Chor eine Messe von Gounod gesungen, die riesige Kirche war proppenvoll. Und mitten im besinnlichen Kyrie hörte ich es deutlich: Den Klingelton meiner Frau, die bestimmt 10 bis 12 Meter entfernt im Alt stand. Mit halbem Auge seitwärts konnte ich erkennen, wie meine Frau im Kreise der sie umgebenden Mitsängerinnen einen Kopf kleiner wurde und dann bis zum Ende der Messe quasi unsichtbar war.

Zum genannten Klingelton ist hinzuzufügen, dass dieser aus dem mit krächzender Stimme verzerrten Wort „Riiichtungswechsel“ bestand. Unsre Kinder waren mit in Salzburg, hatten kurz vor dem Konzert das Handy meiner Frau für ein Spiel benutzt und dabei diesen Klingelton einprogrammiert…

Insgesamt wurde unsere Messe vom Dompublikum sehr positiv aufgenommen; ob unser Dirigent deshalb hinterher nichts gesagt hat? Vielleicht hatte er auch nur die genaue Herkunft des Tones nicht zu orten vermocht – jedenfalls ist meine Frau letztlich mit dem Schrecken davongekommen… und dem schadenfrohen Grinsen der Sangesschwestern im Alt, die natürlich den Quell allen Übels erkannt hatten. Gepetzt hat keine!

Merke 1: Im Konzertsaal ist verpönt – wenn wieder mal ein Handy dröhnt.

Merke 2: Auf der Bühne gilt erst recht: Handybimmeln, grad ganz schlecht

%d Bloggern gefällt das: