Soweit die Füße tragen

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Als Kind war ich oft mit meinem Vater unterwegs. Dieser war als Handelsvertreter tätig und bereiste das Ruhrgebiet. Wann immer ich Zeit und Lust hatte, fuhr ich mit und lernte dabei meine erweiterte Heimat gut kennen. Wenn mein Vater beim Kunden drin war, blieb ich im Auto und beschäftigte mich, Lesen, Lego, was auch immer.

Einmal, ich war sieben oder acht, hatte der Vater in einem der Krupp‘schen Verwaltungsgebäude in Essen zu tun, Rüttenscheider Straße, Nähe Hauptbahnhof. Der Termin zog sich länger als vorgesehen, im Auto wurde es langsam kühl, und ich musste mal. Also verschwand ich hinter einem kleinen Gebüsch und pieselte. Zurück am Auto (Mercedes 170 VA, wäre heute der Traum jedes Oldie-Fans) musste ich feststellen, dass ich die Beifahrertür beim Aussteigen in Gedanken wohl verriegelt hatte, die anderen Wagentüren waren auch zu. Ich hatte auch nicht aufgepasst, in welchen Gebäudeeingang mein Vater gegangen war, also konnte ich nirgendwo rein. Naja, warten, er kommt ja gleich…

Er kam nicht gleich, es dauerte, und der kleine Manfred fing an zu frieren. Dass es einem durch Bewegung wärmer würde, wusste ich damals schon – und so ging ich schon mal vor, den Weg kannte ich ja, immer am Ruhrschnellweg lang, Papi würde mich dann sehen und einsammeln. Der Ruhrschnellweg bestand damals übrigens noch nicht aus einem mehrspurigen Dauerparkplatz, sondern war eine etwas breiter ausgebaute Bundesstraße mit kleinem Standstreifen.

Die ersten Kilometer ging‘s gut, ich wurde wieder warm und freute mich darauf, gleich einzusteigen. Pustekuchen, Mercedes und Vater kamen nicht, sooft ich mich auch im Gehen umdrehte. Irgendwann standen mir dann auch die Tränen in den Augen, so dass ich ohnehin kaum noch klarsehen konnte. Aber was sollte ich tun, es war schon später Nachmittag, bald würde es dämmern – also Augen zu (bzw. tränenlos wieder auf) und weiter. Bis nach Hause an der Mülheimer Stadtgrenze zu Duisburg waren es (laut google-map heute) ungefähr 17 Kilometer, und tatsächlich stand ich dann vor Einbruch der Dunkelheit völlig erschöpft vor der Tür. Meine Mutter – inzwischen über mein Verschwinden informiert – stieß einen Freudenschrei aus, beschränkte Fragen und Vorwürfe auf das Notwendigste, ließ gleich ein heißes Bad ein und setzte Grießbrei auf.

Die eigentliche Hauptrolle in dieser Geschichte spielte natürlich mein armer Papi. Als er nach seinem Termin zum kindlosen Auto kam, hat er erst mal die ganze Umgebung abgesucht, nach mir gerufen und in umliegenden Büros und Geschäften nachgefragt – keine Spur. Dann wieder rein zu seinem Kunden, zu Hause anrufen (Mobiltelefone gab es damals noch lange nicht), aber meine Mutter hatte natürlich auch nichts gehört. Irgendein hilfreicher Passant meinte dann, am Nachmittag sei eine Zirkustruppe die Rüttenscheider Straße zu seinem nahegelegenen Standort gezogen, vielleicht wäre ich da mitgelaufen. Mein Vater fand den Zirkus, aber nicht mich. So blieb nur die nächste Polizeiwache, dort gab es auch keinen überzähligen Ausreißer. Die Beamten versicherten meinem Vater, dass ich intensiv gesucht würde, und man riet ihm, nach Hause zu fahren, Frau trösten, hier könne er eh‘ nichts mehr tun, er werde benachrichtigt, sobald es was Neues gebe.

Verzweifelt kam der Papi nach Hause und rief schon von der Haustür aus, dass es keine Spur gebe, aber da hörte er auch schon mein wohliges Geplansche in der Badewanne…

Merke: Bist du mal das Warten leid – geh‘ ruhig fort, doch gib Bescheid!

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