Kuscheltiere

Foto: pixabay

Urlaub auf Mallorca, schöne Finca in the middle of nowhere. Wir hatten ein gemütliches kleines Appartement mit großer Terrasse in der ersten Etage. Nachts haben wir die Terrassentür immer geschlossen, man weiß ja nicht, welches Getier vielleicht mal vorbeischaut. Die Belüftung war durch die mit Fliegengitter versehenen Fenster gewährleistet. Nachts gab es in dieser ländlichen Gegend meist keinen Strom, aber für den Notfall stand stets ein Kerzchen bereit.

Eines Nachts wurde ich von einem metallischen Geräusch wach, hörte sich nach einem auf den gefliesten Boden heruntergefallenen Metallteil an. Danach wieder totale Ruhe, absolut nichts; aber vorsichtshalber tappte ich im Dunkeln zur Terrassentür und stellte fest, dass diese ordnungsgemäß verschlossen war, allerdings steckte der Schlüssel nicht mehr im Schloss, ich konnte ihn mit dem Fuß auf dem Boden ertasten. Naja, der Schlüssel war wohl nur ganz lose drin gewesen und dann wahrscheinlich durch einen leichten Windstoß heruntergefallen – also weiterschlafen.

Im Halbschlaf wunderte ich mich dann, dass meine Frau Renja, die sonst eigentlich immer ruhig schläft und nicht herumturnt, sich irgendwie auf meiner Betthälfte zu schaffen machte, ständig herrschte Unruhe im Bereich meiner Beine und Füße. Ganz verwunderlich wurde es, als Renja mich aus der Dunkelheit ihrer Bettseite unwirsch fragte, warum ich sie denn nicht in Ruhe ließe und was das Gefummel mitten in der Nacht sollte. „Wollte ich Dich auch gerade fragen“, gab ich zurück, aber da war uns eigentlich schon klar, dass irgendetwas nicht stimmte. Es wurde beschlossen, dass ich als Mann mutig aufstehen und die Kerze auf dem Tisch anmachen sollte. Im matten Kerzenlicht war zunächst nichts Ungewöhnliches zu sehen, es war totenstill. Wir haben uns dann doch etwas intensiver umgeschaut: Der Schlüssel der Terrassentür lag – wie zuvor schon ertastet – auf dem Boden, einige leichtere Kleidungsstücke meiner Frau schienen nicht mehr da zu liegen, wo sie vorher abgelegt worden waren, und ein auf der Theke zur Küche liegender Apfel war angenagt.

„Hier bleibe ich keine Sekunde“, entfuhr es meiner Frau, als sie entdeckte, dass es auch der fishermans friend-Packung auf ihrem Nachttisch wie dem Apfel ergangen war, und sie sprang aus dem Bett. Gerade wollte ich besonnen einwenden, wo wir denn nachts auf der stockfinsteren Finca hinsollten, da huschte ein etwas größeres Kleintier mit einem putzigen längeren Schwanz aus dem Küchenbereich über die nackten Füße meiner armen Gefährtin in der Not. Der entsetzte Schrei blieb meiner Frau regelrecht im Halse stecken (sie wollte die Kinder nicht wecken), und sie verschwand, nur notdürftig mit einem Handtuch bekleidet, im düsteren Treppenhaus.

Da stand ich nun allein inmitten des Schreckens. Natürlich wollte ich auch nicht bleiben, zwang mich aber im schummrigen Kerzenschein, wenigstens das Notwendigste noch kurz zu tun: Terrassentür auf, damit der Spuk möglichst ungehindert würde entweichen können, und Shorts und T-Shirts für meine Frau und mich packen, damit wir der Morgenröte nicht schutzlos ausgeliefert waren. Dann Kerze aus und nichts wie weg!!

In einiger Entfernung vom Haus ich dann meine immer noch zitternde Frau in der Dunkelheit gefunden. Die Liegen am Pool, so dachten wir, würden uns ja wohl über den Rest der Nacht hinweghelfen – aber so heiß es auf Mallorca tagsüber ist, so empfindlich ist die Kühle in den frühen Morgenstunden, und nur mit T-Shirt und Shorts war da nichts zu machen. Klar war auch, dass wir nicht in unsere Räume zurückgehen würden, wo die Ratten jetzt wahrscheinlich gerade fröhliche Urständ‘ feierten…

Wenn man friert, soll man sich bewegen. Also entschlossen wir uns, müde wie wir waren, zu einem nächtlichen Spaziergang. Trotz der totalen Finsternis war der Fahrweg, der die Finca mit der Außenwelt verband, schemenhaft zu erkennen, und wir marschierten los. Langsam ließ die Anspannung nach, und wir konnten beinahe schon wieder über das Erlebte lachen und malten uns aus, wie es wohl morgen früh in unserer Kemenate aussehen würde.

Plötzlich erklang direkt neben uns, wo sich ein Stück Hecke am Wegesrand befand, ein alles durchdringender schrecklicher Schrei. Wir erstarrten zu Salzsäulen und fühlten unser letztes Stündlein gekommen. Während sich die Schockstarre langsam löste, hörten wir weitere Geräusche, aber viel leiser und irgendwie vertraut. Wir wagten es, hinter die Hecke zu blicken – dort erkannten wir schemenhaft einen alten Hammel und ein paar Schafe friedlich vor sich hinmümmelnd. Offenbar hatten wir mit unserem ungewöhnlichen nächtlichen Erscheinen die Ärmsten ihrerseits furchtbar erschreckt und diesen Warn-, Furcht- oder Wasauchimmer-Schrei ausgelöst.

Fertig mit der Welt, sind wir zur Finca zurück, lieber Erfrieren als sich weiteren gefährlichen Abenteuern auszusetzen. Ich habe mich dann tatsächlich getraut, unsere Bettdecken aus dem Apartment zu holen: Luft anhalten, ein bisschen Klappern, um die bösen Geister zu warnen, und dann mit einem Griff im Dunkel alles packen, was auf dem Bett lag. Feindberührung hatte ich bei dieser Aktion gottlob nicht.

Zwar gewärmt, aber doch recht unbequem haben wir dann noch 2/3 Stündchen am Pool gedöst, letztlich froh, mit dem nackten Leben davongekommen zu sein.

Am nächsten Tag stellte sich dann heraus, dass der nächtliche Besuch wohl nur aus einer einzigen Ratte bestand, die, nachdem sie den Apfel noch ein wenig weiter angenagt hatte, natürlich über alle Berge war. An einem der Fliegengitter war eine kleine undichte Stelle, da hatte sie sich wohl hereingezwängt. Die Finca-Leute schlossen das Leck und sorgten für eine gründliche Reinigung unserer Räumlichkeit.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass ich – sparsam wie ich bin – den restlichen Apfel gründlich gewaschen, von den Bissstellen befreit und zum Frühstück verzehrt habe. Auch das hab‘ ich überlebt…

Merke: Erscheint im Traum ´ne Ratte Dir – ist es manchmal echt, das Tier

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