Ameland – schönes Land

Die holländische Nordseeinsel ist wirklich ein zauberhaftes Fleckchen Erde, auch wenn die letztgenannte bei Flut teilweise von der Nordsee überspült wird.

In der ersten Hälfte der 1960er-Jahre habe ich, damals knackiger Teenager, mehrfach meine Sommerfreizeiten in einem Ferienlager verbracht, das traditionell von einer Duisburger katholischen Kirchengemeinde organisiert wurde. Das Lager bestand aus deutlich in die Jahre gekommenen Holzbaracken, die von den Holländern zu Beginn des zweiten Weltkriegs abgeschieden in den Dünen errichtet wurden, um in den Niederlanden lebende Deutsche, die seit September 1939 zu feindlichen Ausländern geworden waren, dort sicher zu „verwahren“. Nach dem deutschen Einmarsch im Mai 1940 übernahmen SS und Wehrmacht die Hütten, um nun ihrerseits missliebige Personen wie abgeschossene alliierte Flugzeugbesatzungen zu internieren. Nach dem Krieg wurden dann deutsche Kriegsgefangene zu Bewohnern des Lagers. Ab Mitte der 1950er-Jahre bestand dann das Sommerferienlager als wohl eines der ersten Projekte zur Wiederherstellung guter niederländisch-deutscher Nachbarschaft.

„Katholische Donnerbalken“

Der äußere Zustand der Baracken war so, wie die Vorgeschichte es vermuten lässt: zugige Fenster, quietschende Türen, Reste abblätternder Farbe, undichte Dächer, raschelnde Mäuse etc. – aber es war HERRLICH!! Die kleine Hütte, die früher den wechselnden Lagerkommandanten als Unterkunft gedient hatte, wurde vom die Freizeit leitenden Pfarrer und seinen Assistenten bewohnt und hieß natürlich Vatikan. Im Gegensatz zu meiner Volksschulzeit (mehr dazu in der Geschichte „Religiöse Notdurft“) war die Ökumene mittlerweile auch so weit fortgeschritten, dass wir paar mitreisende evangelische Jungs die katholischen Donnerbalken und sonstigen rudimentären Sanitäranlagen mitbenutzen durften.

Ab und zu gab‘s am Strand Quallenalarm, für die meisten von uns eher ekelig. Ein Knabe behauptete jedoch, ihm mache es gar nichts aus, und irgendwann stand die Wette: Er würde sich für zehn Gulden in einen Quallenhaufen legen. Ein solcher Haufen war mit Schüppen und ähnlichem Gerät schnell zusammengetragen, und jeder steuerte ein kwaartje oder dubbeltje (die damaligen holländischen Kleinmünzen) bei, bis die zehn Gulden standen. Und er hat es getan – sich mitten reingelegt. Die folgende Nacht soll er allerdings etwas unruhig geschlafen haben…

„Ameland, schönes Land, Perle im Meer“

Das Lager hatte natürlich auch ein Lagerlied, dessen Refrain „Ameland, schönes Land, Perle im Meer“ lautete. Wer das erste Mal im Lager war, lernte sofort die gebräuchlichere Version: „Ameland, Scheiß´ am Strand, Pisse im Meer“, die stets mit Inbrunst geschmettert wurde. Ständige Bemühungen der Lagerleitung, die offizielle Version wenigstens manchmal zu singen, blieben erfolglos. Und zwar auch dann, wenn der damalige nordrhein-westfälische Arbeits- und Sozialminister Konrad Grundmann, der seine Ferien regelmäßig auf Ameland verbrachte und der die Freizeit aus irgendeinem Ministeriumstopf finanziell förderte, zu seinem alljährlichen Besuch ins Lager kam. Vielleicht sangen einige zuvor mit einer Extra Portion Pudding bestochene Musterknaben in den ersten Reihen „richtig“, aber der die Underground-Version grölende Rest war natürlich nicht zu überhören.

Ich bin sicher, der Herr Minister hätte es vermisst!

Merke: Manchmal ist es wie verhext – man vergisst den richt‘gen Text

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