Beweglicher Geist mit sportlicher Einstellung

„Ich darf spielen, bis ich umfalle“, resümiert Ulrike Folkerts am Ende ihrer Autobiographie, die nicht nur ihr aufregendes Leben als Schauspielerin erzählt. In „Ich muss raus“ offenbart uns „der weibliche Schimanski“ – so wurde sie in ihrer Rolle als Tatort-Kommissarin Lena Odenthal bewundernd betitelt – ihre gesamte Lebensgeschichte. Offenherzig, unverstellt, nahbar.

Schon optisch wie haptisch ist das neue Buch der charismatischen Theater- und Fernseh-Schauspielerin, die das Frauenbild in der deutschen TV-Landschaft revolutioniert hat, ein kleines Kunstwerk. Es ist ein nahbares Buch zum Anfassen und Anschauen, als ob erst gar keine Distanz zwischen der Leserin (oder dem Leser!) und der Autorin entstehen soll. Dafür sorgen auch bereits die lebensnahen Fotos, die schon vor dem ersten Wort die Leser in die offenherzige Geschichte führen. Man ist sofort mittendrin.

Eine Frau wie du und ich – und doch ganz sie selbst

Wer sie kennt, sagt: Sie ist eine richtige Menschenfreundin, pur und geerdet und lustig. Sie habe einen beweglichen Geist und eine sportliche Einstellung. Ulrike Folkerts ist nicht nur die toughe Lena Odenthal, sondern eine wandlungsfähige Theaterschauspielerin, die in Salzburg beim „Jedermann“ durch ihre sensible und verletzliche Seite dem „Tod“ eine sanfte, weibliche Seele eingehaucht hat: „Mein ‚Innerstes‘ ist viel mehr wie mein ‚Tod‘, den ich in Salzburg erschuf: empfindlich, sensibel, fast schüchtern.“

Ihr Innerstes offenbart sie uns, verwandelt es in erzählerische Sätze, die einem das Gefühl geben, man unterhalte sich gerade offenherzig bei einem guten Glas Wein mit einer sehr guten Freundin. Natürlich erzählt sie auch von ihrem Lesbischsein, von inneren und äußeren Widerständen, von unermüdlichen Kämpfen gegen verkrustete Strukturen in der Fernsehbranche und für eine freiere, faire und offene Gesellschaft.

„Offensichtlich stehe ich für etwas“

Dadurch, dass Ulrike Folkerts ein Leben führt, das Konventionen in Frage stellt und das Frauenbild erweitert, ist sie für viele Menschen – nicht nur für Frauen – ein Vorbild. Sie steht für etwas, offensichtlich, und zeigt sich ebenso verletzlich und schwach, was ihre Stärke nur noch betont. „Stark sein heißt für mich auch, Schwächen zugeben zu können“, beschreibt sie ihren manchmal durchaus steinigen Weg als Frau, die sich nicht verbiegen lässt – und deshalb aufrecht und selbstbestimmt durchs Leben geht.

„Nur durch Mitgefühl ist eine fremde Seele zu verstehen.“

Michael Tschechow (aus: Die Kunst des Schauspielers)

„Ich muss raus“ ermöglicht auch spannende Einblicke in den oft mühsamen Alltag der Schauspielerei wie Lampenfieber vor jedem Casting oder Querelen am Set. Und in das Theaterspielen, das für sie „eine Simulation des Lebens“ bedeutete. Vor allem geht es aber um die anspruchsvolle Kunst, sich das Schauspielern anzueignen. Für Ulrike Folkerts vor allem durch Mitgefühl zu erreichen.

Gut, dass Ulrike Folkerts mit diesem Buch raus musste. Denn es ist ein Vergnügen, es zu lesen (vielleicht bei einem guten Glas Wein?) und dabei diese spannende Frau kennenlernen zu dürfen.

Ulrike Folkerts will spielen, bis sie umfällt. Ja, soll sie – aber möge das bitte noch lange dauern.

Hier geht es zum signierten Buch von Ulrike Folkerts „Ich muss raus“

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