Abenteuerurlaub 1990

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Drei Wochen Familienurlaub in einem kleinen schnuckeligen Hotel am tunesischen Sandstrand, das klingt nach „Füße hoch und Entspannung pur“… aber erstaunlich, was auch nach Jahrzehnten noch so im Gedächtnis haftet. Wir hatten über einen holländischen Reiseveranstalter gebucht, das war damals spürbar preiswerter; also kam die überwiegende Anzahl der Gäste aus unserem liebenswerten westlichen Nachbarland. Nun war zu der Zeit Fußball-WM, und „wir“ spielten in Mailand gegeneinander, Achtelfinale. Im kleinen Amphitheater der Hotelanlage ward eine Großleinwand errichtet, und buchstäblich alle Gäste fanden sich ein, überwiegend oranje gewandet. In der ersten Halbzeit allseits Superstimmung, 0:0. Und dann die unvergessliche zweite Hälfte, ein giftiger Rudi Völler, ein spuckender Frank Rijkaard, Dramatik und Emotionen ohne Ende, bzw. doch mit Ende, und zwar 2:1 für schwarzrotgold. In den folgenden Tagen war die Stimmung zwischen den holländischen und den paar deutschen Gästen eher frostig, und bis zum Finale hatten wir das Amphitheater bei den Fußballübertragungen weitestgehend für „uns“.

Eines Nachmittags Faulenzen am Pool, plötzlich ein spitzer Schrei von rechts. Unglaublich: Im Knie unserer Liegennachbarin steckte ein Pfeil. Wie sich später herausstellte, hatte auf dem Gelände des benachbarten Club Mediterranee ein Bogenschieß-Kurs stattgefunden, und einer der Teilnehmer hatte wohl knapp daneben gezielt. Gottlob ist der Be- bzw. Getroffenen nichts Ernstliches passiert, es war „nur“ eine tiefe Fleischwunde, und ihr Schreck und der Umstand, dass sie ein paar Tage nicht ins Wasser konnte, wurde vom ClubMed mit einer ordentlichen Entschädigung entgolten sowie der Zusicherung, das Bogenschießen künftig etwas weiter entfernt zu betreiben…

Windsurfen war damals gerade sehr „in“, und natürlich wollte ich´s dann auch versuchen. Leider entsprach mein Talent nicht meinem unbeugsamen Willen, und so bin ich wirklich ständig ins Wasser geflogen, sei es durch den boshaften Wind oder eine heimtückische Welle. Natürlich kriegt man bei diesem Tun auch ständig Wasser in die Ohren, ein gefundenes Fressen für den Wind… schon am Abend ist mir schier der Kopf geplatzt, und die nächsten Tage habe ich mit einer gepflegten Mittelohrentzündung im Bett verbracht.

Mein jüngerer Sohn hatte während des Urlaubs Geburtstag, und da er ein stets kommunikatives Kerlchen war (und auch heute noch ist), hatte er irgendwie die Kinder in der Anlage, über alle Sprachgrenzen hinweg, für nachmittags an den Pool eingeladen. Schokoladenkuchen und Sahnetörtchen bei der Hitze, Krümel allüberall, das ging ja wohl nicht, also bestellten wir in der Küche ein Gebinde diverser Melonenstücke. Die folgende Melonenschlacht war wirklich beeindruckend, ich weiß bis heute nicht, woher die Küche immer wieder die neuen Melonen rekrutiert hat. Aber alle waren glücklich und zufrieden, und nachdem am Ende die ganze Gesellschaft und der Poolbereich einmal großflächig mit dem Wasserschlauch behandelt worden waren, sah es wieder aus, als ob nichts gewesen wäre.

Auch die Liebe kam nicht zu kurz, genauer first love: Das Töchterchen (6 Jahre!) verliebte sich unsterblich in Selim (4 Jahre!), den Sohn der Juniorchefin des Hotels. Auch dieser fühlte sich sehr zu unserem Blondschopf hingezogen: Wann immer sich die zwei am Strand begegneten, war augenglänzende Seligkeit angesagt (verbal konnten sich die beiden natürlich nicht verständigen). Beim Abschied kullerten die Tränchen, die auch Selims Abschiedsgeschenk – ein kleines Stoffkamel – nicht zu bremsen vermochten.

Mit meinem Ältesten habe ich mit wieder intakten Mittelohren dann einen dreitägigen Ausflug in die Wüste gebucht. Die Übernachtungen im Beduinenzelt in der Wüste waren grandios, der Sternenhimmel hat uns glatt erschlagen. Auch der zweistündige Kamelausritt in die Wüste ist mir unvergessen; kaum ist man hinter der ersten Düne nach dem Zeltlager, befindet man sich in einer anderen Welt: nur Sand und Himmel. Und dann plötzlich, wohl auch für unsere Kamelführer recht überraschend, nur noch Sand, denn ein heftiger Sandsturm hüllte alles ein. Mehr als die buchstäbliche Hand vor den Augen konnte man nicht sehen, wenn man sich denn überhaupt traute, die Augen mal kurz schlitzförmig zu öffnen. Als der Sturm nach einiger Zeit etwas nachließ – waren es Minuten, war es eine halbe Stunde? – und ich es wagen konnte, auch mal etwas länger zu blinzeln, ein total lustiger Anblick: Kamele haben, anders als Pferde, keine richtige Mähne, sondern eine recht begrenzte Anzahl mehr oder weniger langer Haare auf ihrem Hals, und die bei „meinem“ Kamel standen durch den Wind waagerecht nach links ab. Und der Umstand, dass das Kamel durch den Sandsturm offenbar überhaupt nicht beeindruckt war, strahlte eine tiefe Ruhe und Geborgenheit aus. Gleichwohl werden die Ohnmacht und Verletzlichkeit des Menschen in solchen Augenblicken sehr greifbar. Wir sollten nicht glauben, dass wir alles und jedes allzeit beherrschen können und müssen, sondern uns als Teil eines größeren Ganzen begreifen, in dem wir auch schwach sein und Zuwendung von anderen Geschöpfen erfahren und wertschätzen dürfen.

Merke:  Auch das Pauschaltouristenleben – kann Dir manchmal manches geben

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